Was hat uns bloß so ruiniert



FILMINFO

96 Minuten

Land: Österreich

Genre: Komödie, Drama

Filmstart: 23.09.2016

Im Verleih von Thimfilm


CREDITS


Regie: Marie Kreutzer

Drehbuch: Marie Kreutzer

Darsteller: Vicky Krieps, Marcel Mohab, Pia Hierzegger, Manuel Rubey, Pheline Roggan, Andreas Kiendl

Inhalt

Drei befreundete Paare, drei Kinder, eine Überzeugung: Man muss nicht notgedrungen zum Spießer verkommen, nur weil man Eltern wird. Marie Kreutzer stürzt sechs mitteljunge, beruflich erfolgreiche Bobos amüsiert in eine neue Welt und den Glaubenskrieg Kindeserziehung.
„Warst du nicht fett und rosig? Warst du nicht glücklich? Bis auf die Beschwerlichkeiten. Mit den anderen Kindern streiten, mit Papa und Mama“ – Frank Spilkers Band „Die Sterne“ stellt zu Beginn von Marie Kreutzers drittem Spielfilm die Frage, die sie seit 1996 besingt: „Was hat dich bloß so ruiniert?“
 
Auch Marie Kreutzer will das wissen, allerdings tauscht sie das Pronomen aus, es geht längst nicht mehr nur um eine/n: Aus „dich“ wird „uns“, und schon sitzen wir mit drei mitteljungen Paaren um den Esstisch – Menschen, denen es gut geht, Menschen, für die der Begriff „Bobo“ quasi erfunden wurde und die gerade lässig und beglückt über den Ton fachsimpeln, den die frisch in den Altbautraum eingezogene Profitec-Kaffeemaschine bei der Arbeit fabriziert. Die Produktwelt, besonders gerne die mit Apple-Logo, sorgt für überschäumende Serotonin-Ausschüttung und viele Superlative. Als Stella (Vicky Krieps) und Markus (Marcel Mohab) beim Öffnen einer Flasche Sprudel eine frohe Botschaft verkünden, kann das mit der Kaffeemaschine nicht mithalten: Es wird fast beleidigend wenig gratuliert und vielmehr übers Kinderkriegen diskutiert. Die anderen überlegen mitzuziehen. Nur Luis (Andreas Kiendl) versteht erst wieder als Letzter, was los ist. Zeitverzögert will er verifiziert haben: „Kriegst du a Kind?“
 
Unversehens erleben alle drei Paare das Alltäglichste der Welt, das jeder trotzdem für eine individuelle Grenzerfahrung hält – natürlich! Es gleicht eben trotzdem einem Wunder, wenn ein neuer Mensch auf diesem Planeten landet. Und sie sind sicher: Nichts kann sie spießig machen. Im Gegenteil: Stella will die Welt in Staunen versetzen durch ihre Coolness und ihre Liebe und die Makellosigkeit ihres Bindegewebes.
 
Die weich gezeichneten Bilder und der visionäre Voice-Over werden aber schon bald durch die Realität eingeholt: Wie laut darf man im Geburtsvorbereitungskurs beim „Wellentanz“ lachen? Fühlt sich die Geburt wirklich so an, als würde man einen Ziegelstein kacken? Darf man sie sich durch eine PDA weniger schmerzfrei gestalten, wenn doch sonst alles bio ist? Wieso verkommt der eigene, gerade wundervolle Taten vollbringende Körper plötzlich zum Objekt basisdemokratischer Entscheidungen, zu dem jeder sein Bäuerchen abgeben darf? Wieso sind alle anderen viel routinierter beim Aufklappen von Kinderwägen? („Hätten wir halt den Bugaboo gekauft – wie alle anderen!“) Lebt es sich windelfrei besser? Wie viel ist man bereit für Fair-Trade-Kinderkleidung auszugeben, die sich vielleicht drei Wochen lang gut auf Fotos macht, ehe die nächste Größe ansteht? Sind Ratschläge unhinterfragt richtig, wenn man davon in der „ZEIT“ gelesen hat? Fast am wichtigsten: Muss man nun wirklich in der Kinderkrippe mit dem schönen Namen „Kindergrupp Kartoffelsupp“ über Rosinen diskutieren? Und wie lange kann man noch behaupten, dass sich nichts ändern wird, wenn doch Lola (Livia Teppan), Elvis (Marie Strohmaier) und Aimèe (Amanda Seyfried) längst den Ton angeben?
 
Die Schwierigkeiten, die Überforderung, die Schönheit der Einzigartigkeit namens Kinderkriegen – all dies wird in „Was hat uns bloß so ruiniert?“ anhand dreier Neo-Familien ausgewogen und pointiert durchdekliniert. Es geht um die Einmischungen anderer und die Auflösung des bisherigen Ichs, das nun einem mütterlichen Ich gewichen ist. Es geht um die Veränderung von Alltag, Beziehung und Freundschaften, um Krisen und um neue Wertigkeiten. Es geht um das Beglückendste und das zugleich Anstrengendste. Und darum, die Wickeltaschen der Stunde – die bunte Palette der Fjällräven-Kånken-Rucksäcke – und iPads rund um Sandkisten zu zählen. Auf in den Glaubenskrieg Kindeserziehung!
 
Stella und Markus regeln die Aufgaben rund um Lola paarintern demokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines (Pia Hierzegger), laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Chris (Manuel Rubey). Und Mignon (Pheline Roggan) will bei Aimèe alles natürlich halten und richtig machen – das bedeutet etwa auch den Verzicht auf Windeln. Luis (Andreas Kiendl) hat nicht viel mitzureden.
 
Die sechs Erwachsenen reflektieren immer wieder vor Stellas laufender Kamera, was die Elternschaft aus ihnen macht – der Filmakademie-Abschluss der Neo-Mama soll nicht umsonst gewesen sein. Die Antworten werden ihr nicht immer gefallen, und als ihr Partner kiffend Auskunft geben will, beginnt das Spiel, wer der bessere Elternteil ist, per Regieanweisung: „Kiffen und Baby gehen nicht zusammen“, einen rauchenden Papa will niemand sehen. „Du machst dir zu viele Gedanken“, heißt es dann beschwichtigend. Die Entgegnung: „Du machst dir zu wenige.“
 
Alles ist neu, alles ist anders, zumindest vorerst. Das bisherige, eben noch maßgeschneiderte Leben, das will bei manchen nicht mehr so richtig sitzen. Doch wie hieß es schon im Geburtsvorbereitungskurs? „Leben – das ist auf einer Welle surfen, die niemals ruht.“ Und wenn selbst Luis bemerkt, ob es sein kann, „dass alles irgendwie anders ist“, haben sich die Lebensentwürfe der Freunde schon drei Mal geändert, haben sie sich schon zigfach gestritten und mitunter getrennt, haben sie Verhaltenstherapien absolviert und das eine oder andere Bio-Hirse-Bällchen gegen einen Gin Tonic getauscht. Und das unter anderem, weil man anstelle des gewünschten neuen Romans von Michel Houellebecq nun Ratgeber von Familientherapeut Jesper Juul geschenkt bekommt.

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